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Orgelbau in Bayern

Von: Helmut Balk / Dr. Erich Tremmel


Die Orgel ist ein seltsam komplexes Musikinstrument, dennoch ist
sie Ausdruck einer Reduktion und zugleich Überhöhung musikalischer Wirkung.

In den - die Zeit überdauernden - Reliefs der ägyptischer Kultur begegnet dem Betrachter die ursprüngliche Idee dieses originär abendländischen Instruments. Hunderte von Fanfarenbläsern begleiten den Auftritt des Pharaos bei Festumzügen.

Ein sinniges Haupt erfindet im vierten Jahrhundert v. Chr. in Griechenland ein mechanisches Konzept, um den Luxus der Musik der vielen auf den Einsatz eines einzigen Musikers zu reduzieren.

Der Hydraulos versorgt fast beliebig viele Pfeifen bzw. Flöten mit gleichmäßigem Luftstrom. Der Einsatz der vielen Stimmen, beherrscht durch einen einzelnen Musiker, öffnet neuen musikalischen Raum. Wesentlich bleibt, dass dieses Instrument dem Herrscher zur Repräsentation dient. Sein Auftritt wird durch die Macht des Instruments überhöht, von Kaiser Nero wird überliefert, dass er dieses Instrument sogar selbst spielte.

Im oströmischen Reich wird die antike Tradition fortgeführt und zur Kaiserkrönung Karls des Großen wird ein Hydraulos nach Aachen gesandt. Der Papst, dem von diesem Instrument berichtet wird, wünscht auch für Rom ein solches Instrument, und ein Mönch aus Freising soll in Rom das erste Instrument dieser Art für liturgische Zwecke gebaut haben.

Wir dürfen annehmen, dass in der Liturgie der Moment der Wandlung dem Einsatz dieses Instruments angemessen war. Die Weihe dieses Augenblicks, durch die vielen Stimmen verherrlicht, gibt der Orgel eine Würde, die sie bis zum heutigen Tage bewahrt hat.

Orgeln jener Epoche sind nicht auf uns gekommen, doch liegen für die Zeit des Hochmittelalters mehrere Indizien für die Entstehung von Blockwerksorgeln etwa im Kloster Weltenburg oder im Freisinger Dom vor. Im vierzehnten Jahrhundert verändert sich die musikalische Idee. Die Mehrstimmigkeit wird auch in der Liturgie zu einem neuen Weg der spirituellen Vermittlung. Um 1400 erfahren wir von ersten Instrumenten mit einer ergonomischen Tastatur, die bereits unserer heute gewohnten Form weitgehend entspricht. Da aber die Breite der Pfeifen und die Breite der Klaviatur nicht übereinstimmen, muß die Wirkung der Klaviatur auf die Ventile mit mechanischen Mitteln „aufgespreizt“ werden. Dies führt zu den grundlegenden technischen Problemlösungen, wie sie in der Orgel bis heute zur Anwendung kommen. Drehende Stangen, Zugstangen aus dünnen Holzleisten und geschickte Verbindungen der beweglichen Teile mit der Tastatur und den Ventilen führen schon früh zu einer Ingenieurleistung, die verfeinertem musikalischem Ausdruck besondere Wirkung verleiht.

Das heutige Bayern ist als Staatsgebilde erst im Zuge der napoleonischen Neuordnung Mitteleuropas in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts herausgebildet worden. Wie zuvor um Altbaiern herum viele verschiedene Territorien ihre eigenen historischen Traditionen besaßen, so entwickelten sich ebenso unterschiedliche Orgellandschaften mit jeweils durchaus individueller Prägung. Die „altbairischen“ Orgeln etwa des 17. und 18. Jahrhunderts zeigen Merkmale, die sich von den allgäuschwäbischen Orgeln oder den ost- oder mainfränkischen Orgeln jener Epoche deutlich unterscheiden. Andererseits bestehen deutliche Affinitäten dieser Orgeltraditionen zu denen in den jeweiligen Nachbarregionen etwa zwischen Altbaiern und Alt-Österreich, dem allgäuschwäbischen Raum zu Oberschwaben, der Schweiz oder Tirol, dem mainfränkischen Orgelbau zu den Traditionen im angrenzenden heutigen Hessen oder Thüringen.

Daher ist die weitere Orgelbaugeschichte Bayerns enorm vielschichtig. Dennoch gibt es wichtige prägende Faktoren, die sich wie „rote Fäden“ durch die Geschichte verfolgen lassen. Auch für diese spielten historische Grenzziehungen eine gewisse Rolle: die große Bedeutung der in Passau und Salzburg tätigen Orgelbauerfamilie Egedacher für den Orgelbau sowohl nach Westen in das damalige Altbaiern als auch nach Osten nach Österreich lag an ihren damals günstigen Standorten in zwei kleinen, aber von den großen Nachbarn (noch) unabhängigen Fürstbistümern. Dass andererseits die im 19. und frühen 20. Jahrhundert nahezu europaweit tätige Firma Steinmeyer in Oettingen kaum je im damaligen Österreich- Ungarn Aufträge erhielt (ebenso wie umgekehrt eine österreichische Firma in Bayern), hatte durchaus politische Gründe.

Die bemerkenswerten frühen Zeugnisse des Orgelbaus des 15. und 16. Jahrhunderts haben leider die Zeiten nicht überdauert, wie die Orgeln in Nürnberg St. Sebald, in Nördlingen St. Georg oder in der Fuggerkapelle in St. Anna in Augsburg. Im 20. Jahrhundert ohnehin nur noch als ehrwürdige Denkmalgehäuse von vergangener Pracht und meisterlichem Orgelbau der Renaissance zeugend, gingen selbst diese, ob durch Kriegseinwirkung oder Unglück, in Flammen auf und sind allenfalls in Augsburg oder Nördlingen in äußerer Nachbildung zu bewundern. Insbesondere die Fuggerorgel in St. Anna, ehemals von Jan von Dubrau in Böhmen unter Mitwirkung des kaiserlichen Hoforganisten Paul Hofhaimer errichtet, war ein Instrument, das Vorbildcharakter für ganz Europa besaß, was heute noch an der weiten Verbreitung des dort erstmalig konzipierten Gehäusetyps mit halbrund eingesenkter Mittelzone erkennbar ist. Auch im ausgehenden Barock erhielt Augsburg ein Orgelwerk, das geradezu zu einem Pilgerziel für Organisten und Bewunderer aufstieg, die Barfüßerorgel von Johann Andreas Stein, bewundert von Mozart und Beethoven; doch auch ihre letzten Gehäusereste gingen im 2. Weltkrieg unter.

Eine „Schattenseite“ der reichen und vitalen Orgelgeschichte in Bayern ist die jahrhundertelang geübte Praxis, Instrumente, die in regelmäßigem Gebrauch stehen sollten, immer wieder um- und nach einigen Generationen oft innen völlig neu zu bauen. So zählen unveränderte Denkmalsorgeln heute zu den Seltenheiten, und manch ein in seiner Entstehungszeit außerordentlich bedeutendes Instrument wurde von nachfolgenden Generationen durch banale Allerweltswerke ersetzt, die den jeweiligen Zeitgeschmäckern entgegenkamen. Dennoch blieben einige Orgeln erhalten, die heute noch den hohen Stand des Orgelbaus in Bayern gerade im 18. Jahrhundert erkennen lassen, wie die Rieppschen Chororgeln in Ottobeuren, die Egedacher/Jäger-Orgel in Benediktbeuern oder die Herbst-Orgel in Lahm im Itzgrund, als repräsentative Zeugnisse ihrer Zeit und ihrer Orgellandschaften. Gerade die im Süden Bayerns ebenso wie in den katholischen Teilen Frankens von geradezu epidemischer barocker „Bauwut“ zeugenden Klöster boten einer auf höchstem Niveau stehenden Orgelbaukunst ein reiches Feld der Betätigung; die Aufhebung der Klöster 1803 setzte dieser Blüte jedoch ein jähes Ende. Manchmal fiel dadurch edoch auch ein Instrument in einen „Dornröschenschlaf“ des Nichtgebrauchs, wie die jüngst nach Jahrhunderten restaurierte Baumeister-Orgel der ehem. Klosterkirche Maihingen, die heute wieder so klingt wie zu ihrer Entstehungszeit. Die ältesten erhaltenen Orgeln Bayerns reichen immerhin ins frühe 17. Jahrhundert zurück, wie die Marx Günzer-Orgel in Gabelbach (das Vorgängerinstrument der Stein-Orgel der Augsburger Barfüßerkirche) oder die ehemalige Orgel der Wallfahrtskirche Maria Thalkirchen (heute im Deutschen Museum).

Die Orgelbaukunst des 19. und 20. Jahrhunderts war geprägt von den vielen damals wie heute durchaus umstrittenen technischen Neuerungen auf dem Gebiet der Orgeltechnik, vom Einsatz der Barkerhebel über die Pneumatik bis zu elektrischen und elektronischen Trakturen, von der Schleif- zu Kegel- und Membranladen und wieder zurück. Manche der damaligen Neuerungen wurden für Orgelneubauten mittlerweile wieder aufgegeben, doch der Umgang mit ihnen und ihre Beherrschung gewinnt im Zuge der Restaurierung älterer Werke wieder an Bedeutung, da mittlerweile auch die über längere Zeit eher verschmähte „Orgelromantik“ ebenso wie nachfolgende Stilrichtungen in ihrem Eigenwert erkannt und geschätzt werden. Regionalstile schwanden zugunsten von überregionalen Zeitstilen, die oftmals von einzelnen Großbetrieben mitgeprägt wurden. Die Industrialisierung verschonte auch den Orgelbau nicht, und so entstanden einerseits spezialisierte Zulieferwerkstätten, von der Pfeifenfertigung bis hin zum Traktur- oder Spieltischbau, andererseits Firmen, die dank so gesteigerter Kapazitäten für sich oder im Verbund eine weitaus größere Zahl an Instrumenten fertigen konnten, und so „flächendeckende“ Versorgung mit Orgeln gewährleisten konnten.

So ist die heutige Orgelregion Bayern ein vielfältiges Gebilde, an dem Generationen von Orgelbauern (und – ob gewollt oder ungewollt – auch Äbte, Politiker und viele andere mehr) über die letzten vier Jahrhunderte aktiv mitgewirkt haben; dieses reiche kulturelle Erbe in seiner Vielfalt zu erfahren ist faszinierend, es zu bewahren und zu mehren eine große und ehrenvolle Verantwortung.

Helmut Balk / Dr. Erich Tremmel
Greifenberger Institut für Musikinstrumentenkunde gGmbH
Bergstraße 6, 86926 Greifenberg am Ammersee
www.greifenberger-institut.de


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