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ORGELBAU IN ÖSTERREICH

Von: Wolfgang Kreuzhuber


Die historisch-politischen Veränderungen sowie die geographische Lage machten das Gebiet des heutigen Österreich offen für Einflüsse auf den Orgelbau in unterschiedlichster Prägung: Technische und klangliche Neuerungen im Westen und Norden, italienische Einflüsse aus dem Süden und aus Böhmen bzw. Venetien für das östliche Gebiet. Eine Vermischung verschiedener Stilrichtungen bis hin zu Ausbildung örtlicher Besonderheiten war die Folge. Eine der ältesten Hinweise bezeugt eine Orgel aus dem Jahr 1334 im Stephansdom zu Wien. Aus dem 16. Jh. sind einige Instrumente in Originalsubstanz erhalten geblieben: Zum Beispiel die Orgel der Hofkirche von Innsbruck (1561, 15/II/P), erbaut von Jörg Ebert (1531-1582) und das anonyme Instrument der Silbernen Kapelle (ca. 1585, 8/I/P). Das 17. Jh. ist ein Jahrhundert des Übergangs: Politische und kirchenpolitische Divergenzen des 16. Jh. reichten noch weit in die erste Hälfte des 17. Jh. und eskalierten im blutigen dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Mitten in den Wirren dieser Zeit wurden in Österreich drei große Instrumente von außergewöhnlicher Qualität errichtet: 1634 Schlägl (jetzt: 21/II/P) von Andreas Butz (gest. 1657), 1642 Klosterneuburg (35/III/P) von Johann Freund (gest. 1678) und 1642 Franziskanerkirche von Hans Weckerl (ca. 1594-1660). 1620 bekam das Benediktinerkloster St. Peter zu Salzburg von Daniel Hayl (gestorben nach 1638) einen Orgelneubau (24/II/P) in die Stiftskirche beauftragt, von der leider nur noch das Gehäuse existiert. Der Salzburger Dom erhielt erst 1703 durch den Salzburger Hoforgelmacher Christoph Egedacher II (1641-1706) eine neue Großorgel (32/II/P), die bereits 1705 durch seinen Sohn Johann Christoph Egedacher (1666-1747) auf 42 Register, verteilt auf drei Manuale und Pedal, wesentlich erweitert worden war. Gegen Ende des 17. Jh. löste der Wiederaufbau nach den Zerstörungen der Türkenkriege eine Prosperität aus, die sich auch auf den Orgelbau auswirkte und schließlich im 1. Drittel des 18. Jh. in einen galanten Stil mündete. Weitausladende Orgelgehäuse mit üppigem Dekor, drei- bis viermanualige Instrumente, neue Register etc. prägten den Orgelbau des 18. Jh. Die Orgelbauer Johann David Sieber (1714 Michaelerkirche Wien), Caspar Humpel (1725 Innsbrucker Dom), Johann Ignaz Egedacher (1675-1744, 1732 Stiftskirche Zwettl) und viele andere mehr prägten den Orgelbau des 18. Jh. Neue und wichtige Impulse kamen vor allem durch den in Reifenberg (Slowenien) gebürtigen Franz Xaver Krismann (1726-1795), der u.a. neue Register in der Tradition Nacchinis mit nach Österreich brachte. Seine Instrumente in St. Florian bei Linz (1774, 74/III/P), Alter Dom Linz (1790, 31/III/P: vom Zisterzienserstift Engelszell in den Alten Dom nach Linz übertragen und aufgestellt). Die Wende vom 18. zum 19. Jh. stellt eine erneute Übergangsperiode dar, die durch die Aufhebung von Kirchen und Klöstern aufgrund der Kirchenreform Kaiser Josephs II. (1783) bedingt war. Stagnation und Orgeltransferierungen waren deren Folge. Auch Simplifizierungen wurden nach den orgelbaulichen Grundsätzen 1805 von Georg Joseph (Abbé) Voglers (1749-1814) an den Orgeln der Wiener Dorotheerkirche und St. Peter zu Salzburg vorgenommen. Mit den Orgelbauern Ignaz Kober (1756-1813; 1804 Heiligenkreuz, 52/II/P), Ferdinand Buckow (1801-1864; 1858 Wien Maria Treu) sowie die Firmen Friedrich (1757-1826) und Jakob Deutschmann (1795-1853), Louis Mooser, Johann Georg Gröber (1775-1849), Alois Hörbiger (1810-1876), Carl Hesse (1808-1882), Familie Ullmann, Familie Reinisch, Familien Mauracher usw. kehrte nach vielen Jahren der Stagnation wieder der Qualitäts-Orgelbau zurück. Von der Wiener Weltaustellung (1873) gingen wichtige Impulse für den Orgelbau aus, in deren Folge u.a. der Orgelneubau 1878 in die Votivkirche Wien durch die Firma E.F. Walcker mit 60/III/P erfolgte. 1872 schließlich wurde für den neu errichteten "Goldenen Saal" des Musikvereins eine Konzertorgel durch Friedrich Ladegast (1818-1905) erbaut; nur noch das Gehäuse ist erhalten geblieben. Kurz vor Ende der Donaumonarchie konnten in Österreich bedeutende Großorgeln in Kirchen und Konzertsälen errichtet werden, von denen zwei genannt seien: 1888/1910 die "Kaiser-Jubiläums-Orgel" (60/III/P) in Bad Ischl (Matthäus Mauracher ́s Söhne, Salzburg) und 1913 die Orgel im großen Saal des Konzerthauses in Wien (jetzt: 116/V/P) Gebrüder Rieger, Jägerndorf). Es war dies die erste fünfmanualige Orgel der Donaumonarchie. 1909 blickte die internationale Orgelwelt nach Wien, wo unter Vorsitz von Albert Schweitzer (1875-1965) beim III. Kongress der Internationalen Musikgesellschaft das "Internationale Regulativ für Orgelbau" verabschiedet worden war. Diese Reformbewegung kam durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Erliegen. Die sich ab 1920 in Norddeutschland formierende "Orgel-Erneuerungsbewegung" unter Hans Henny Jahn (1894-1959) konnte in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in Österreich nur in zwei Projekten Fuß fassen: 1930 Evangelische Christuskirche Wels, (1930, 22/II/P), unter dem Einfluss von Johann Nepomuk David (1895-1977) entstanden - das Instrumente wurde mehrmals erweitert - und 1935 R. k. Pfarrkirche Wien Alt-Ottakring (19/III/P), geistiger Urheber: Josef Mertin (1904-1998). Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Sybrand Zachariassen (1900-1960) durch seine Vorträge auch wichige Impulse gesetzt. Beim Zweiten Internationalen Kongress für katholische Kirchenmusik (1954) leitete die "Dänische Orgelreform" in Österreich ein (Mechanische Schleiflade, Werkprinzip, mechanische Spieltraktur, geschlossene Orgelgehäuser). Höhepunkt war der Bau der Domorgel zu Linz (1968, Marcussen, 70/IV/P). Österreichische Orgelbaufirmen, wie Rieger in Schwarzach und Pirchner aus Steinach am Brenner, konnten sich international etablieren und exportieren seither Orgeln in alle Welt. Seit den 1970er Jahren ist der historisierende Orgelbau in Österreich durch einheimische und ausländische Orgelbaufirmen stark vertreten. Bereichert wird diese stilistische Vielfalt durch Kopien und Nachbauten von Instrumenten des 19. Jh. der deutschen und französischen Tradition.


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