Musikinstrumente-Thema
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Metallblasinstrumente aus Sachsen

Von: Dr. Birgit Heise


In der 2. Hälfte des 19. Jh. gehörte das Vogtland neben Paris und Böhmen zu den bedeutendsten Zentren des Metallblasinstrumentenbaues. Trompeten, Hörner, Tuben oder Posaunen wurden im 19. Jh. hier in unvorstellbarer Zahl gebaut. Die erstarkenden, immer größeren Militärkapellen waren ebenso wichtige Auftraggeber wie die städtischen und betrieblichen Orchester, Posaunenchöre oder Musikschulen. Nicht zu unterschätzen war außerdem der Export in alle Welt als wirtschaftlicher Motor. Zeitgenössische Angaben zu den riesigen Mengen von Messing- Klanggeräten aus dem „Musikwinkel“ lassen erahnen, wie viele Arbeitsplätze durch diesen Industriezweig bestanden haben mögen.

Unglaubliche 457 Blasinstrumentenmacher lassen sich 1871 für Markneukirchen und Umgebung nachweisen. Hinzu kamen die ungezählten Polierer, Packer, Spediteure, Händler oder z.B. die Zulieferer von Werkzeug oder Einzelteilen wie Ventilen. Allein im Jahre 1876 wurden in Markneukirchen etwa 20 000 Blechblasinstrumente hergestellt. 1870 verarbeitete man 63 Tonnen Messing, 13 Tonnen Neusilber und verfeuerte 700 Klafter Holz für Lötarbeiten. In ganz Sachsen stellte man bis etwa 1850 solche Instrumente in kleineren Familienbetrieben her, danach setzten sich industrieelle Produktionsmethoden mit Dampfmaschinen durch.

So gründeten in Markneukirchen 1861/62 Ernst Paulus sen., Ludwig Schuster und andere die bedeutende Firma „Paulus und Schuster“. Zunächst auf den Bau von Signalinstrumenten spezialisiert, fertigte man nach 1866 im großen Umfang Ventilinstrumente. 1883 waren 100 Arbeiter hier beschäftigt. Noch 100 Jahre zuvor war das Bauen und Spielen von Langtrompeten durch Privilegien und Zunftgesetze streng limitiert und geschützt.

Im 18. Jh. kamen die besten und vornehmsten Metallinstrumente aus Nürnberg. Diese Situation änderte sich geradezu dramatisch im Verlauf des 19. Jh., nachdem eine der wichtigsten Erfindungen der Instrumentenbau-Geschichte, das Ventil, für Furore und erbitterte Pro-und-Kontra-Auseinandersetzungen sorgte. Hierbei spielte nun wiederum die sächsische Handelsmetropole Leipzig eine Hauptrolle, wirkten doch hier das berühmte Gewandhausorchester einerseits und der hochbegabte Instrumentenbauer Sattler andererseits, ohne dass es sogleich zu einem „Zusammen-Wirken“ kam: Bei der Uraufführung von Robert Schumanns Konzertstück für 4 Hörner und Orchester 0p. 86 kam es 1850 im Gewandhaus zu einem interessanten Zwischenfall. Entgegen Schumanns ausdrücklicher Anweisung verweigerte der Hornist Pohle den Gebrauch des Ventilhornes und spielte seinen Part auf dem inzwischen altertümlichen Naturinstrument. Überhaupt zählte Pohle zu den glühendsten Verfechtern der historischen Hornblaskunst, d.h. einem Spiel ohne Klappen und Ventile.

Dabei war die Erfindung der für uns heute selbstverständlichen Ventilmechanik so neu nicht mehr, und bereits um 1835 galt das moderne Waldhorn vielerorts als etabliert. Es muss um 1814 gewesen sein, als zwei findige Köpfe an verschiedenen Orten – Berlin und Pleß in Schlesien - gleichzeitig ein und dieselbe Erfindung austüftelten. Die Enttäuschung war für beide gleichermaßen grenzenlos, als Heinrich Stölzel und Johann Gottfried Blühmel erfahren durften, dass sie jeweils nicht allein auf die Idee von Blechblasinstrumenten mit Ventilen gekommen sind. Nach Jahre währenden Streitereien einigten sich beide Parteien auf einen finanziellen Kompromiss, und 1818 erteilte man ihnen ein Patent.

Im Leipziger Gewandhaus präsentierte Stölzel sein Horn mit zwei Ventilen bereits 1817 und wurde offenbar auch von dem hiesigen Blasinstrumentenmacher Christian Friedrich Sattler gehört. Dieser begeisterte sich sofort für die neuartige Technik, fügte dem Horn ein drittes Ventil hinzu und baute auch Trompeten mit jener Mechanik. Sattler war damit in ganz Sachsen der erste Fertiger von Ventilinstrumenten. Weitere geschickte Meister in diesem Handwerk wurden in den verschiedenen sächsischen Städten sesshaft, und bald begann auch die massenhafte Produktion von Hörnern und Trompeten, Tuben und Kornetten sowie vielen weiteren Blechblasinstrumenten im Vogtland.

Heutzutage werden natürlich bei weitem nicht mehr die Stückzahlen vom 19. Jh. erreicht, doch produzieren gefragte Instrumentenbauer in Sachsen nach wie vor hochwertige Instrumente aus Metall, wobei besonderer Wert gelegt wird auf die Präzision (wichtig bei der Ventil-Mechanik) sowie auf den hohen Anteil von sorgfältiger Handarbeit; ein Geheimnis vogtländischer Qualität.

Abbildung:
Großwindiges Naturwaldhorn in F1 (Detail), Michael Koch zugeschrieben, Dresden, 1710 - Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig.
Mit den Initialen „AR“ für „Augustus Rex“; ein Hinweis darauf, dass das Horn bei repräsentativen Jagdveranstaltungen Augusts des Starken erklang.


Dr. Birgit Heise

Museen im GRASSI | Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig


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