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Wenn das Schifferklavier an Bord erklingt - Klangwelten aus Wellen und Meeresrauschen

Von: Gabriele S. Herberger


Modell Monika in rotHein Seemann kann man sich ohne Schifferklavier kaum vorstellen. Klapphose mit Schlag, blauer Rollkragenpullover, Pudel- oder Schippermütze, die Handharmonika auf den Knien – so sah man den Seefahrer noch bis in unsere Tage. Auf Freiwache und an Hafentagen erklang das Akkordeon mit sehnsüchtigen Melodien, die jeder mitsummen und mitsingen konnte. Nur mit ihm kam Musik an Bord, bis die ersten tragbaren Radios und später dann immer kleiner werdende digitale Tonträger das Instrument mit dem Balg zu verdrängen schienen. Herstellerfirmen im In- und Ausland mussten aufgeben. Die allerdings, die durchhielten, sind heute gut ausgelastet. Das Akkordeon ist wieder im Kommen, immer öfter im Radio zu hören und in Filmen zu sehen.

Gelassenheit und Ruhe
Oft nennt man den Balg des Instruments auch seine Lunge, mit seiner atmenden Bewegung kann man den Ton lange halten. Man muss nicht unbedingt auf Tempo oder Veränderung aus sein. Das Instrument bringt, wie sicher viele Spieler bestätigen werden, Gelassenheit und Ruhe in eine Welt, in der alles schneller, höher und weiter werden muss. Um als Musiker voll zur Geltung zu kommen, braucht man kein Orchester. Das Akkordeon ist das Orchester. In seinen Klängen breitet sich die Welt aus wie ein Klangteppich aus Wellen und Meeresrauschen.

Modell Sunrise in schwarz und multicolorEntwicklung in vielen Ländern
Als „Erfinder“ des Instruments gilt Cyrillus Demian, der um 1830 erstmals ein mit Balg funktionierendes Instrument in Wien zum Patent anmeldete. Doch Kenner sprechen eher von einer Entwicklung, statt von einer Erfindung. In Russland machte eine Künstlerin namens Bajana das Instrument als Bajan bekannt, in Kroatien spielt man eine Triestina, in Frankreich das Musette-Akkordeon, in Skandinavien und Belgien B-Griff-Akkordeons, in Tirol erklingt die Steirische Harmonika, in Irland eine diatonische, in Deutschland das Bandoneon (nach dem Musiklehrer namens Band benannt), in Südamerika die Cajun-Harmonika. Der Seemann und Liebhaber der Meere taufte bereits die ersten Tasten-Harmonikas „Schifferklavier“. Produziert wurden die Instrumente in den Anfängen um 1852 in rund 50 Familienbetrieben in Klingenthal im südlichen Vogtland. Daraus ist eine Akkordeonmanufaktur geworden, die heute HARMONA Akkordeon GmbH heißt. In Trossingen begann Hohner ab 1904 mit dem Bau dieser Instrumente, die das Unternehmen inzwischen in China produzieren und in Deutschland zusammenbauen lässt.

Nach amerikanischem GeschmackFür jeden Typ das Passende
Zu haben sind die Instrumente ab ca. 800 Euro für Anfänger, Spitzeninstrumente können bis zu 25.000 Euro kosten. Sie zeichnen sich für den Hörer durch exzellenten Klang und für den Spieler durch Leichtgängigkeit und hohe Balgdichte aus. Welche Fülle von Schwung, Laune, Freiheit und Genialität in einem Akkordeon hörbar werden kann, zeigen die sogenannten Weltmeister Akkordeons, made in Germany. Experten des Akkordeonbaus mit ihren jahrzehntelangen Erfahrungen können bei diesen Instrumenten fast jeden Wunsch des Musikers erfüllen.

Viele Kosenamen
Das Akkordeon ist ein Instrument, das gleichermaßen beliebt und verschmäht wird, wie seine vielen Namen zeigen: Ziehharmonika, Maurerklavier, Quetschkommode, Heimweh-Expander, Zerrwanst, Knopfleiste, Teufelbüchse, Trecksack, Zerrbalken, Wanzenpresse und eben auch Schifferklavier? Das Instrument ist robust und praktisch, leicht mitzunehmen und überall zu spielen, im Sitzen, im Stehen, im Gehen. Um einen Akkord zu spielen, braucht man beim Akkordeon im Bass nur einen, beim Klavier mehrere Finger. Man kann also auf dem Tausendsassa mehrere Akkorde gleichzeitig hervorbringen und hat beim Spielen der Melodie immer die richtige Begleitung dabei. So wurde das Instrument unsterblich beim Tango, bei Klezmer- oder Musette-Musik. Und eben an Bord...

Zur Arbeit und Unterhaltung
Einst wurden bei Arbeiten und Schiffen, die gemeinsame Anstrengungen verlangten, wie etwa Segelsetzen, Ankerhieven oder Brassen Fideln oder Pipes eingesetzt, die die Arbeitslieder begleiteten. Das vielseitigeAkkordeon ersetzte sie schnell – nicht nur bei der Arbeit sondern auch in der Freizeit.
„Wenn das Schifferklavier an Bord ertönt, dann sind die Matrosen so still, weil ein jeder nach seiner Heimat sich sehnt, die er gern einmal wiedersehen will“ lautet ein Refrain des unsterblichen „Wir lagen vor Madagaskar“. Einem Shanty ohne Akkordeon fehlt die Seele. Das Instrument kann leicht melancholisch klingen, Heimwehtränen hervorlocken, aber genauso gut fröhlich bis aufmüpfig sein.

Die Betriebsstätte der HARMONA Akkordeon GmbH in KlingenthalEinsatz in der klassischen Musik
Ein Instrument also für reine Unterhaltungsmusik? Nein, das Akkordeon bricht jedes Schubladendenken. Es läutete ein demokratisches Zeitalter in der Musikgeschichte ein, weil es ein Instrument für jedermann wurde und auch an Orten klassischer Musikkunst eingesetzt wird. So hörte man es auf der Konzertbühne vom Lincoln Center oder in der Carnegie Hall in New York, in der Albert Hall und der Royal Festival Hall in London. Als internationales Solo-Instrument setzten es neben vielen anderen die New Yorker Philharmoniker, das Boston Pops Orchester, das Philadelphia Orchester, das Neuseeländische Symphonie-Orchester und das Königliche Philharmonische Orchester in London ein.

Gabriele S. Herberger ist Inhaberin der HARMONA Akkordeon GmbH
Markneukirchner Straße 44/46, D-08248 Klingenthal/Vogtland, Telefon 06 74 67-50205, info(at)akkordeon-klingenthal.de

Quelle: Seereisenmagazin 2/2006 (www.seereisenmagazin.de)


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