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KLAVIERE AUS SACHSEN

Von: Birgit Heise


Nähert man sich von Westen aus der sächsischen Messemetropole Leipzig, streift man möglicherweise den Vorort Böhlitz-Ehrenberg und erkennt deutlich ein Jugendstil-Fabrik-Ensemble mit markantem Turm in der Mitte. Dieser sogenannte Hupfeld-Turm zeugt noch immer von dem gewaltigen Industriezweig, welcher im 19. und beginnenden 20. Jh. den Namen Leipzigs in aller Welt berühmt gemacht hatte. Bis vor wenigen Jahren entstanden hier Klaviere der Nachfolge-Firma Pianofortefabrik Leipzig GmbH & co. KG. Die berühmteste Werkstatt aus Leipzig, die der Familie Blüthner, produziert nach wie vor ihre hochwertigen Instrumente.
Es ist kaum vorstellbar, dass sich im 19. Jh. insgesamt fast 80 Klavierbau-Firmen hier niederlassen konnten. Hinzu kamen noch einmal ebenso viele Zulieferer, welche die Tasten, Mechaniken, Notenpulte oder Klavierhocker produzierten. Ihre Instrumente gingen in alle Welt, der Bedarf war riesig. In jeden Haushalt von gehobenem Standard gehörte ein Klavier zur Grundausstattung. Am Beginn dieser beispiellosen Leipziger Karriere stand ein findiger Verleger. Johann Gottlob Immanuel Breitkopf handelte schon seit 1770 mit Klavieren und begann schließlich 1807 mit der eigenen Produktion von Tafelklavieren und Pianinos. Bis 1872 entstanden hier insgesamt 5.200 Klaviere und Flügel. Der dreißigjährige Richard Wagner besaß einen Flügel von "Breitkopf & Härtel" in seiner Dresdner Wohnung und bezeichnete ihn als seinen ganzen Stolz.
Die besten Mitarbeiter dieser Firma machten sich bald selbstständig: Johann Gottlob Irmler gründete 1818 seinen eigenen Betrieb. Bis zu dessen Zerstörung 1943 wurden hier sagenhafte 28.000 Instrumente produziert. Drei Jahre später folgte Johann Nepomuk Tröndlin (siehe Abb. Hammerflügel, Leipzig um 1830), dessen Werkstatt aber nur bis 1855 existierte. Doch Klavier spielen ist schwer, und Klavier üben mühsam und zeitaufwändig. Dies erkannte auch Ludwig Hupfeld, der 1892 seine legendäre Fabrik gründete. Hier entstanden u.a. selbstspielende Klaviere, angetrieben durch Blasebälge oder elektrischen Strom, in riesiger Stückzahl. Als "Phonola" eroberten sie die ganze Welt, erklangen in Gaststätten, auf großen Schiffen und Konzertsälen. Die höhere Tochter musste nun nicht mehr Klavier üben und konnte dennoch den Gast mit Musik erfreuen; sie brauchte nur die Bälge zu treten oder Strom anzuschließen, und schon ging das Klavier von allein los.
Der traditionelle Klavierbau kam dennoch nicht zum Erliegen, wenn auch der Bedarf mit dem Verlauf des 20. Jh. stetig zurückging. Entsprechende Firmen existierten in mehreren sächsischen Städten. So entstanden in Dresden die Marken Wolfframm (1874-1970) und Rönisch (1845 gegründet). Rönisch ging 1917 in den Besitz der Hupfeld AG über, die sich inzwischen zu einem wahren Industrie-Giganten entwickelt hatte. 1926 erfolgte der Zusammenschluss von Hupfeld mit einem weiteren Riesen der Instrumentenbau-Branche: der Leipziger Pianofortefabrik Gebr. Zimmermann AG. Im Gefolge dieser Fusion gab es nun in Leipzig einen der weltweit größten Klavierproduzenten, mit Zweigbetrieben in Dresden, Johanngeorgenstadt, Eilenburg und Seifhennersdorf. Schon seit den 1920er Jahren ließ jedoch die Nachfrage nach Pianos und Musikautomaten drastisch nach. Radios und Grammophone eroberten die Haushalte, und inzwischen gab es ein so großes Überangebot an guten gebrauchten Pianos, dass weltweit die Neuproduktion von besaiteten Tasteninstrumenten stark zurückging.
Die meisten Klavierfabriken in Sachsen mussten aufgeben. Was in Leipzig übrig blieb, ist die bereits erwähnte Firma Blüthner mit den Marken Rönisch und Irmler. Der "romantische Klang" jener Flügel und Pianos begeistert damals wie heute Hörer und Spieler, ungezählt sind die Preise und Goldmedaillen aus aller Welt.

Fotos von oben nach unten:

  • Tri-Phonola-Flügel mit Selbstspiel-Vorrichtung, Grotrian-Steinweg und Hupfeld, 1920
  • Tafelklavier, J. G. Irmler Leipzig um 1840
  • Hammerflügel, J.N. Tröndlin, Leipzig um 1830
  • Tafelklavier mit Wäschekommode, Christian G. Friederici, Gera um 1800
  • Cembalo, Kurt Hutzelmann, Eisenberg (Thüringen) 1961
  • Tafelklavier von Breitkopf & Härtel, Leipzig 1846

(Alle Instrumente stammen aus dem Grassimuseum der Universität Leipzig)


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