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Blasinstrumentenbau - Anfänge und Spuren in Berlin

Von: Nicole Sandt, Berlin


Vom Blasinstrumentenbau zeugen zahlreiche Funde aus der Steinzeit. In Musikinstrumentensammlungen können nicht nur Knochen-, Bambusrohr- und Stoßzahnflöten bewundert werden, sondern auch Stierhörner. Die Ägypter zur Zeit der Pharaonen kannten sogar schon Metall-Blasinstrumente. Blasmusik war zu jener alten Zeit ein Ausdruck der menschlichen Seele. In der unmittelbaren Einheit von Instrument und Spieler wurden Bläser gleichsam zu überirdischen Sängern, die den Atem mit Hilfe eines natürlichen Verbindungsstückes in eine göttliche Stimme verwandelten.

Mit der perfekten Technisierung der Blasinstrumente im 19. Jahrhundert löste sich die sanfte göttliche Stimme in Luft, Wasser, „absolute Musik“, mancherorts in ohrenbetäubenden militärischen Lärm, aber auch in verheißungsvolle Wagnerrufe auf. Bevor sich die Blasinstrumente in allen nur erdenklichen Tonlagen oder gar mit ausgewogener Ähnlichkeit aller Töne in Orchestern behaupten konnten, war es noch ein weiter Weg.

Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts löste sich in Berlin der Blasinstrumentenbau allmählich vom Beruf des Musikanten oder eher Drechslers und Kupferschmiedes und wurde ein Spezialgewerbe. Auf der Spurensuche nach ersten Musikern, die sich in Berlin dem Blasinstrumentenbau widmeten, taucht zuerst ein gewisser Hans Schreiber auf. Hans Schreiber war Blasinstrumentalist bzw. im damals gängigen Sprachgebrauch „Kunst-Pfeiffer“ in der Hofkapelle des Kurfürsten Johann Sigismund und entwickelte um 1616 das Kontrafagott. Die ersten Handwerker, die auch Musikinstrumente herstellten, sind nach Überlieferungen im Berlin des 18. Jahrhunderts die Drechsler Heytz, Reinicke, Mund und der Kupferschmied Blanvalet.

Als am Anfang des 19. Jahrhunderts Berlin feindlichen Invasionen ausgeliefert war, stieg plötzlich die Anzahl der Blasinstrumentenmacher beträchtlich. Das Militär sollte anscheinend musikalisch stimuliert werden. Wurden 1799 im Stadtregister gerade einmal 5 Instrumentenmacher aufgelistet, sind es 1812 bereits 64, unter ihnen so bekannte Namen wie Gießling & Schlott (Leipziger Straße 16), J. Gabler (Kleine Präsidstr. 4) und J. Moritz (Weinmeistergasse 10). Sicher hat auch die Einführung der allgemeinen Gewerbefreiheit um 1810 zu dieser Expansion geführt und schließlich das in Mode kommende Virtuosentum. Es erreichte im Blasinstrumentenbereich zwischen 1790 und 1820 seinen Höhepunkt. Bläser waren in dieser Zeit sogar Geigern und Pianisten zahlenmäßig weit überlegen.

Trotz der hohen Nachfrage gab es noch großen Spielraum für „Verbesserungen“ an Blasinstrumenten. Eine wahre Revolution auf dem Gebiet des Blechblasinstrumentenbaus löste 1818 das von dem Kammermusiker Stölzel und dem Oboisten Blümel in Berlin erfundene Ventilblassystem aus. Mit dem Ventil konnten auf einem Horn oder einer Trompete nun alle Töne der chromatischen Skala gespielt werden. Das Klangideal der Klassik, die absolute Gleichheit aller Töne, war damit endlich möglich.

Die Suche nach Instrumenten für die tiefen Register der Orchestermusik ließ in der Moritzschen Firma in Berlin 1835 die Basstuba entstehen, 1856 das Kontrafagott mit Klaviatur, 1866 die Kontrabass-Posaune in B, um die sich Richard Wagner bei ausländischen Instrumentenbauern bisher vergeblich bemüht hatte. 1877 stellte die Firma Moritz Tuben für Wagners Nibelungenring her, die später so genannten „Wagner- Tuben“. Auch im hohen Register wurde weitergearbeitet: 1876 entwickelte die Firma Moritz das hohe Piccolo in As.

Zusätzlich profitierte der Berliner Blasinstrumentenbau von einer Idee, die bereits 1745 zwei einfallsreiche Hugenotten hatten: Musikdarbietungen von Militär- und Tanzkapellen in Zelten am Spreeufer, in denen die Berliner zur gleichen Zeit speisen konnten. Bis zum Ende des 2. Weltkrieges hatte diese Idee, welche die Blasmusik sozusagen volkstümlich machte, großen Erfolg. Erste Einschnitte erhielt der Bau von Blasinstrumenten mit den neuen Medien Rundfunk, Tonfilm und Schallplatte; ein unvergleichliches Aus mit der Zerstörung fast aller Berliner Blasinstrumentenwerkstätten im 2. Weltkrieg. Viele Fachkräfte wanderten aus. Schließlich stellte Berlin eine geschäftsschädigende Isolation dar.

Heute sind es in Berlin an die zehn Instrumentenbauer, die sich dem Blasinstrumentenbau widmen. Oboen, Posaunen, Trompeten, Alphörner werden hier ebenso hergestellt wie auch zahlreiche Flöten und sogar ein neu entwickeltes Blasinstrument: das Elastophon.

Nicole Sandt


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