Musikinstrumente-Thema
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WAS KÖNNEN UNSERE TASTENINSTRUMENTE?

Von: Ernst Zacharias


Auf dem Flügel und dem Klavier sowie auf dem Klavichord kann musikalisch wunderbar dynamisch gespielt werden. Auf der Orgel können Töne beliebig lange gehalten, aber nicht dynamisch gestaltet werden. An einem Notenbild aus dem wohltemperierten Klavier kann man ablesen, welches Instrument diese Forderungen erfüllt. Weder das von Bach so geliebte Clavichord, noch der Flügel oder das Cembalo haben ausreichende Klingdauer, damit das notierte f am Übergang zum nächsten Takt die reizvolle Sekunde zu Gehör bringt. Die Orgel kann es, aber ihr Ton ist starr. Also keines der genannten Instrumente erfüllt das Notenbild wirklich. Arnold Schönberg beschreibt eine Orgel der Zukunft, eine dynamische Orgel, die er sich wünschte. Ihm war vermutlich klar, dass die herkömmlichen Orgelpfeifen das nicht können.
Heute könnte man es. Dynamische Orgelpfeifen gibt es. Solche Pfeifen wurden bereits hergestellt. Das erste Instrument mit dynamischen Pfeifen war die Claviola von Hohner. Danach wurde eine kleine Orgel mit 8 Tönen in "Ars organi" vorgestellt. Später baute der Orgelbauer Rohlf eine Orgel mit einem dynamisch spielbaren Register. Ein im Pedal herausklappbarer Hebel regelt die Windzufuhr. Die Orgel steht in der Friedenskirche in Echenhaid / Bayern. Eine schöne CD mit Musik auf dieser Orgel gibt es im dortigen evangelischen Pfarramt. Und in Hamburg-Poppenbüttel steht in der Marktkirche eine große Orgel von Rohlf, die ein windgesteuertes Schwellwerk mit drei dynamischen Registern hat. Schwellwerke mit dynamischen Pfeifen benötigen keinen Schwellkasten, aber regelbaren Wind.
Die Erfindung dynamikfähiger Orgelpfeifen erwuchs aus meiner großen Liebe zu Bachs Musik, insbesondere zu seiner Orgelmusik. Aus dem Choralvorspiel "Ich rufe zu Dir, Herr Jesu Christ" wünschte ich mir die Melodie gestalten zu können. Jahrzehntelang habe ich darüber nachgedacht und kam dann endlich auf eine Lösung: Auf der Klarinette kann man sehr ausdrucksvoll spielen und das über einen großen Tonbereich und mit einer einzigen Zunge, einer aufschlagenden Zunge aus Holz. Eine Holzzunge hat eine hohe innere Dämpfung. An einer Akkordeonzunge versuchte ich die Dämpfung zu erhöhen. Ich klebte auf die Zunge eine dünne Gummihaut und befestigte sie an einem Resonanzrohr. Es zeigte sich bereits eine schwache Wirkung. Dann kam mir aber die zündende Idee, die Zunge zu wenden. Bekanntlich spricht eine durchschlagende Zunge nur in einer Blasrichtung an. Sie benötigt dafür eine leichte Aufbiegung, genau wie das Klarinettenrohrblatt. In der gewendeten Lage spricht aber die Durchschlagzunge gar nicht an. Sie öffnet sich lediglich und lässt etwas mehr Blasluft durch. Mit anderen Worten heißt dies aber, dass sie total gedämpft ist. Koppelt man dieses optimal gedämpfte System an ein Resonanzrohr, so kommen die Rückstellkräfte für die Zunge aus dem Rohr. Aus der Akustik weiß man, dass in gekoppelten Schwingungssystemen jenes System über Frequenz und Klangfarbe bestimmt, welches die geringste Dämpfung hat. So kommt es, dass das Rohr allein die Tonhöhe und Klangfarbe bestimmt. Die Dämpfung in einem Hohlraumresonator ist denkbar klein. Die gewendete Zunge ist also das ideale Erregersystem für Pfeifen aller Art. Die Zunge schlägt auch nicht mehr durch die Platte hindurch, sondern nur in den Resonator hinein. Sie ist praktisch stumm und wird zu einer Ausschlagzunge. Sie schwingt auch nicht mehr mit ihrer eigenen Frequenz, sondern wird vom Resonator zu einer höheren Frequenz gezwungen. Um ein rasches Einschwingen zu bekommen, muss man die Aufbiegung, die Zungen vom Hersteller haben, rückgängig machen. Die Zungenunterseite muss mit der Plattenoberseite bündig stehen, also den Schlitz optimal abdecken, ohne in den Schlitz einzutauchen.
Am besten eignen sich Zungen aus Mundharmonikas. Sie sind weicher als Zungen vom Harmonium oder aus dem Akkordeon. Für Pfeifen im Bassbereich sollte man Zungen mit möglichst kleiner oder besser ohne Auflage einsetzen. Die träge Masse der Auflagen erhöht die Einschwingzeit. Für die Zungeneigenfrequenz gibt es einen Erfahrungswert. Günstig ist eine Zungenfrequenz, die um einen Ganzton bis zu einer Terz unterhalb der Resonatoreigenfrequenz liegt. Gestimmt wird am Rohr. Mit der gewendeten Zunge kann man alle bekannten Pfeifengeometrien erregen, weite und enge Mensuren und alle Becherformen. Der Autor konnte ein beidseitig offenes Rohr von 1m Länge und 8 mm Innendurchmesser zum Klingen bringen. Bei diesen Abmessungen versagen Labium und Aufschlagzunge. Wählt man die Geometrien herkömmlicher Blasinstrumente, so erhält man unverkennbar deren Klangfarben.
Alle Blasinstrumente kann man zu Orgelregistern machen: Trompete, Posaune, Klarinette, Saxophon, Fagott und Oboe. Leider hat noch kein Orgelbauer diese Möglichkeiten wirklich genutzt; vielleicht auch noch nicht verstanden. Wenn ein Orgelbauer das Wort "Durchschlagzunge" hört, denkt er vielleicht zuerst an die Physharmonika oder an Pfeifen mit Durchschlagzungen, die sich nicht sonderlich bewährt haben, und wenn er dann noch "Mundharmonikazungen" hört, ist vielleicht eher Abneigung da. Schön wäre es, wenn sich ein entsprechendes Institut damit beschäftigen würde, um meine Feststellung messtechnisch zu untermauern.
Ein völlig anderes System, die Luftsäule in Pfeifen zu erregen, ist die akustische Rückkopplung. Mit billigen und kleinen Teilen, wie sie im Telefon oder im Handy zu finden sind, kann man das verwirklichen. Der Orgelwind wird durch eine akustische Rückkopplung ersetzt. Jede Pfeife benötigt drei Teile, ein Mikrophon, einen Verstärker und einen Lautsprecher. Der Autor bezahlte für die Teile nur wenig Geld (3-4 Euro). Wohlgemerkt, es ist keine elektronische Tonerzeugung, sondern lediglich Windersatz und keineswegs mit der Tonerzeugung in Digital- oder Analogorgeln zu verwechseln. Man benötigt Pfeifen, der Ton entsteht und kommt aus der Pfeife. Gestimmt wird an der Pfeife. Intoniert wird am Poti. Der ganze Aufwand für den Wind, das Gehäuse, die Windladen und Ventile entfallen und die Pfeifen benötigen kein Labium und keine Aufschlagzunge. An Stelle des Gebläses tritt eine Niedervolt-stromquelle. Die Pfeifen ohne Wind kann man ebenfalls dynamisch machen. Dafür wird ein Drucksensor an der Taste angebracht, der die Mikrophonspannung am Verstärkereingang erhöht. Dass mit der wachsenden Lautstärke auch der Obertongehalt zunimmt, ist musikalisch sehr willkommen. Weitere Informationen über Veröffentlichungen zu diesem Thema erhalten Sie beim Autor des Beitrages:

Ernst Zacharias
Böttcherkamp 187 a
22549 Hamburg
Tel.: +49-(0)40-60902806


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