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Die Egerländer Musikinstrumentenmacher – Herkunft, Erbe, Auftrag und Fortbestand

Von: Gerhard A. Meinl, 15. 02. 2010 (gekürzte Fassung)


GraslitzAusgangspunkt für den weltbekannten Musikwinkel sind Graslitz und Schönbach im Sudetenland zusammen mit Klingenthal und Markneukirchen im sächsischen Vogtland. Der neue Graf Nostitz begann 1671 in Graslitz mit der Gegenreformation und so erfolgte unter den Bürgern, die den Konfessionswechsel zum Katholizismus nicht vollziehen wollten, eine Auswanderungsbewegung nach Sachsen, die auch das bestehende Textilgewerbe und den Musikinstrumentenbau erfasste, so dass dies die Stadt der Orchesterinstrumente Markneukirchen und Klingenthal belebte. Um 1900 waren in Graslitz das Textilgewerbe und der Bau von Blech- und Holzblasinstrumenten die bestimmenden Industriezweige; Geigen und Celli kamen aus dem benachbarten Schönbach. Im 1900 Jahrhundert hatte sich der bedeutende Aufschwung im Blasinstrumentenbau durch laufende technische Verbesserungen ergeben.

Die meisten Musikinstrumentenhersteller waren Inhaber größerer Handwerksbetriebe mit zwischen 5 und 10 Mitarbeitern. Daneben gab es das sogenannte Verlagssystem - Werkstattarbeit mit Zwischenmeistern oder Heimarbeitern. 1937, dem letzten Jahr vor dem Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich wurden in Graslitz 9.9000 Blechblasinstrumente, 18.000 Holzblasinstrumente, 1,3 Millionen Mundharmonikas, 11.500 Streichinstrumente hergestellt – davon gingen 26 % in die USA, 13,5 % in das Deutsche Reich, 10,3 % nach Großbritannien. Die Basis bildete eine berühmte Musikfachschule, die ein relativ hohes Ausbildungs- und Bildungsniveau für hochqualifizierte Facharbeiter, auch für die handwerklichen Betriebe, gewährleistete.

Schon der 2. Weltkrieg hatte tiefe Einschnitte in den Musikinstrumentenbau im Sudentenland gerissen: es mangelte an Mitarbeitern und an Aufträgen. Am 7. Mai 1945 besetzten Truppenteile der 1. amerikanischen Division die Stadt Graslitz. Am 2. August 1945 wurde im Potsdamer Abkommen u. a. festgelegt, dass die „deutsche Bevölkerung in der CSR in ordnungsgemäßer und humaner Weise in die dem deutschen Reich verbleibenden Gebietsteile" überführt werden sollten. Am 28. Februar 1946 verließ der erste von 19 Vertriebenen-Transport Graslitz – mit maximal 50 Kilo pro Kopf – darunter Schnittmuster und Zeichnungen der Musikinstrumente. Modelle wurden z. T. in Klärgruben versenkt und Schnittmuster verändert, verfälscht, um diese nicht den tschechischen Übernehmern der Handwerksbetriebe zu überlassen.

Wenzel Meinl in der Bunkerwerkstatt im Seniweg in Geretsried – bis heute so in Betrieb.Trotz aller Mangelerscheinungen in den Jahren nach 1945, die Bezugsscheinpflicht für Materialien und äußerst mangelhafter Werkzeug- und Werkstättenausstattung wurde mit dem Wiederaufbau begonnen. In der Anfangsphase des Neubeginns beschränkte sich die Tätigkeit vor allem auf Reparaturen und Aufarbeitung vorhandener Musikinstrumente – so auch bei den alten Kunden in Österreich, die Umarbeitung von der hohen Wiener Stimmung auf 440 Normalstimmung, wie sie heute noch üblich ist. Einer der Ankunftsorte in Bayern war Geretsried, eine ehemaliges Munitionsfabrikgelände, wo Andreas Meinl aus Graslitz in einen der verlassenen Bunker am Isardamm zog und gründete die Blasinstrumenten- Erzeugung Böhm und Meinl, Wenzel Meinl begann, nachdem sein Sohn Anton ihn in Osterhofen, in Königsdorf, gefunden hatte, mit der Produktion in der Scheune des Bauern Hipp, bevor man neben den Saiten-Hersteller Erhard Meinel aus Markneukirchen im Vogtland in der Wallensteinstraße einen Bunker bezog. Andere Orte wurden für den Egerländer Musikinstrumentenbau im Westen bedeutsam, weil der Plan scheiterte, eine Gesamtansiedlung aller Graslitzer Industriezweige in Neustadt/Aisch anzusiedeln, ebenso wie der vergebliche Versuch der Matthias Hohner AG, wenigstens alle Sparten der Graslitzer Musikinstrumentenindustrie nach Trossingen in Württemberg zu holen – was aber wegen des Standortes in der Französischen Besatzungszone schwierig war: die Schönbacher Geigenbauer waren wegen ihres Industrialisierungsgrades bei den handwerklichen Kollegen in Mittenwald nicht erwünscht. So fand sich Bubenreuth bei Erlangen.

Ähnlich wie in Geretsried war es in Waldkraiburg, wohin viele Instrumentenbauer aus Graslitz im Rahmen der Sondervereinbarung der amerikanischen Militärbehörden und der tschechischen Behörden für die deutschen Antifaschisten (Antifa) kamen. Sie konnten sich in Süddeutschland ansiedeln ohne Lageraufenthalte und die Mitnahme von Gepäck beschränkte sich nicht auf 50 kg; sogar Hausgeräte und Mobiliar (Möbel, Werkzeuge, Wertgegenstände) konnten mitgenommen werden. Diese gründeten dann die Produktivgenossenschaft der Graslitzer Musikinstrumentenerzeuger Miraphone. Im Jahre 1947 konnte die Genossenschaft einige Bunker und ein Wohlfahrtshaus anmieten und bereits zum Jahreswechsel 1948/49 gelang es, die ersten „neuen“ Blechblasinstrumente herzustellen.

In allen vier Orten setzte sich Erbe und Auftrag des hohen Anspruchs und handwerklichen Könnens der Egerländer Musikinstrumentenbauer fort und hat bis heute Bestand; zum Teil lebt er wieder im Verbund mit dem regionalen alten Bereich des sächsischen Vogtlandes. Auch nach der Wende in der Tschechischen Republik blieb es bei der Produktion von Musikinstrumenten, so in den heute privatisierten Unternehmen STRUNAL für Streichinstrumente in Schönbach und AMAT I für Blasinstrumente in Graslitz im Verbund mit der Firma CERVENY in Königgrätz.

Gerhard A. Meinl ( Wenzel Meinl GmbH - www.melton.de)

Literatur-Hinweis:
Theoderich Schmitt: „Graslitz – Die Bevölkerung einer sudetendeutschen Stadt einst und jetztC, Veröffentlichung des Sudetendeutschen Archivs Nr. 16, 1983.


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